Über den Tellerrand

Macht euch die Welt, wie sie euch gefällt?!

Das war ein denkwürdiges Jahr. In vielen Belangen und als Konstante darin kann man den Mangel sehen. Wohlstandsgesellschaften mussten plötzlich keinen Mangel mehr künstlich herstellen und Bedarf für die noch so abwegigsten Dinge schaffen. In kürzester Zeit stellen wir fest, an was es wirklich fehlte: Verständnis, Empathie, Verantwortung, den Blick über das eigene Leben hinaus und manchmal schien es auch am Verstand zu mangeln. Denen auf der Welt, die bereits das Nötigste nicht oder kaum zur Verfügung haben, denen fehlt es weiterhin. Und selbst die leichte Währung der Aufmerksamkeit verblasst in diesen Wochen zusehends. Die Pandemie unterscheidet nicht, sie frisst sich in unsere Weltgesellschaft, soweit sie kommt.

Die Abfolge von Ein- und Beschränkungen war schwer zu durchblicken und verlangte Disziplin und Mut gleichermaßen. Kräftezehrend war es für jene, die von Berufswegen täglich Ihre Arbeit verrichteten. und oft den Mangel als ständigen Begleiter bereits kannten: sei es an Schutzausrüstung, an leistungsgerechter Entlohnung oder an gesellschaftlicher Anerkennung. Das Wort der Systemrelevanz machte die Runde. Und es diente alsbald auch gerne als Begründung dafür, an Grenzen zu stoßen, dafür aber keine Verantwortung übernehmen zu wollen. Einmal mehr zeigte sich, was ein Dreh- und Angelpunkt ist: die Kommunikation. Zu erklären, wo man steht, Zweifel zuzulassen, das Ziel zu benennen, die Ressourcen offenzulegen, Entscheidungen zu treffen, zu verantworten und auch zu korrigieren, wenn es ansteht, Fehler zuzugeben und mutige, ja vielleicht ungewöhnliche Entscheidungen zu treffen. Im Gespräch über all dies zu bleiben, ist gerade in Zeiten der vielen Blasen umso wichtiger geworden.

Auch das Leben der Genusshandwerker hat sich verändert. Nach Hamsterkäufen im Frühjahr begannen wir uns schon auf einen strammen Herbst und Winter vorzubereiten. Fast wöchentlich einen neuen Kollegen zu begrüßen und einzuarbeiten, das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes und das Arbeiten in getrennten Teams war schnell gelernt. Luftreiniger brachten eine zusätzliche Sicherheit und alle haben sich bei Unklarheiten wirklich vorbildlich verhalten und - genau! - kommuniziert. Bestellfristen und Transportzeiten entwickelten sich stellenweise exponentiell in die Länge. Im Team haben wir diskutiert, wie viele Bestellungen wir eigentlich gut umsetzen können. Besser selber Grenzen setzen, bevor man an solche gerät. Die Logistikbranche machte uns im Frühjahr schmerzlich vor, wie es endet, wenn man alle Aufträge reinwinkt, die dann aber nicht in der gebotenen Qualität und Zeit umsetzen kann.

Wir aber wollen für Qualität und nicht Quantität stehen. Auch weil sich sonst Menschen darin verschleißen, wo sie eigentlich Freude und Erfüllung in der Arbeit finden sollen. Das rechte Maß zu finden, gelang um uns herum nicht immer. So erfuhren wir Anfang Dezember gleich nach der  Weihnachtsvorbestellung von einem Metzger, er habe bis Februar keine Wurst mehr. Am letzten Adventswochenende blieb eine  ganze Palette mit Frischfleisch im Kühlhaus in Süddeutschland stehen, aber keiner sagte uns Bescheid, sodass wir sie noch am gleichen Tag selbst dort abgeholt haben... und derlei Geschichten ließen sich viele erzählen.

Dieses vierzehnte Unternehmensjahr, es hat uns in unvorstellbarer Weise gefordert. Aber auch weitergebracht, denn wir waren aufmerksam, flexibel und bedacht. Und haben sicher auch das Quäntchen Glück gehabt. Aber vor allem haben wir kommuniziert. So wie hier in diesen Zeilen.

Alles bleibt anders. Aber nicht schlecht.
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Hans-Georg Pestka

Hans-Georg Pestka

Seine italienischen Wurzeln wiesen den  Weg zur Esskultur. Leidenschaftlich  engagiert, wenn es um Genießen mit  Verstand geht.