Über den Tellerrand

Kennen wir uns?

Milch, Joghurt oder Eier sind es meist, deren Fehlen mich gefühlt jeden zweiten Tag in den Bioladen führt. Meist in den familiengeführten um die Ecke, manchmal aber einfach auch in den, der meinen Weg kreuzt. Facheinzelhandel ist ja Facheinzelhandel und der darbt im Biobereich zunehmend. Denn trotz insgesamt steigender Umsätze werden stattliche 59,1 Prozent aller Bio-Umsätze (2017) an den Kassen im Supermarkt, in der Drogerie und im Discounter gemacht. Aber da gehe es ja nur um Quantität und Preis, unkte der Verband der Naturkostfachhändler unlängst und berief sich auf ihre Alleinstellungsmerkmale wie Beratung und auf ein umfassendes Sortiment als Garanten einer weiterhin rosigen Zukunft.

Wie im klassischen Lebensmitteleinzelhandel auch, liegt die Obst- und Gemüseabteilung meist im vorderen Ladenbereich. Weil sich dort die Frischekompetenz ausdrückt und einen so angenehm sympathisch empfängt, sagen die Ladenstrategen. Auf dem Weg zur Kasse mache ich also einen Schlenker durch das Gemüse. Es ist Vormittag, der Laden recht leer, ein Mitarbeiter kontrolliert offenbar die gerade verräumte Ware. Plötzlich hüpft mein Herz vor Freude, denn ich entdecke  Puntarelle in der Auslage. Zudem knackig frisch, da kommt mir direkt ein Pastagericht für den Abend vors Auge. Bester Laune lege ich meine Beute auf das Kassenband. Werde kurz angerempelt von einer Frau, der das mit zwei Kunden an der Kasse nicht schnell genug geht und die ihre Hafermilch mal eben schnell an der Brottheke bezahlen möchte. Bestimmt wird auch hier nach der nächsten Yogastunde wieder tiefe innere Ruhe einkehren, denke ich milde gestimmt. Ohne zu ahnen, dass auch ich kurze Zeit später aus dem Gleichgewicht geraten werde.

Die Dame an der Kasse – die sich laut Namensschild als Mitarbeiterin der Brottheke entlarvt und vermutlich mal eben kollegial (schnell) eingesprungen ist – zieht routiniert Milch und Eier über den Scanner. Dann kommt das grüne Etwas und sie schaut mich fragend an. „Oh, da müssen Sie mir helfen. Was ist das?“ Ich erwidere: „Puntarelle, vielleicht haben Sie es aber auch als Catalogna im System.“ Sie schaut flink die Artikelliste durch und springt auf. „Ich frage eben meinen Kollegen“, sagt sie und läuft in die Gemüseabteilung. Zufrieden kommt sie zurück und während ich frage: „Und wie heißt es nun bei Ihnen?“, tippt sie eine Artikelnummer ein und auf dem Kassendisplay erscheint ein Betrag von 11,11 Euro. Einen Rheinländer werfen solche närrische Zahlen nicht aus dem Konzept, aber für geschätzt dreihundert Gramm erscheint mir das doch viel. Als könnte sie meine Gedanken erraten, fügt sie fröhlich hinzu „Rucola ist es.“

Nun gehört es zu den ganz großen Übungen, zwischen Recht haben und Recht bekommen unterscheiden zu lernen. Kinder haben damit ihre liebe Not, manche machen es später gar zu ihrem Beruf. Ich sehe das Abendessen vor meinem Auge verschwinden wie eine Fatamorgana. Nach einem kurzen Wortwechsel, in dem noch mal die fachliche Expertise des Kollegen aus der Gemüseabteilung herhalten muss, entscheide ich mich, die Handvoll „Rucola“ dann doch nicht zu diesem Preis mitzunehmen.

Und täglich grüßt das Freilandhuhn


Beim Rausgehen denke ich an einen Restaurantbesuch drei Tage zuvor. Nach mehr als einem Jahr hatte es mich mal wieder hierhin verschlagen. Und wieder stand Huhn auf der Karte, dieses Mal aber mit der Markenbezeichnung und ohne den Zusatz Freiland. Sehen Sie es mir nach, ich habe den Service dann doch gefragt, was sich hinter diesem Huhn verberge. Die Antwort ließ nicht auf sich warten und enthielt drei Botschaften: „Eine besondere französische Rasse“, „Die leben auf der Wiese.“, „Die bekommen gutes Futter.“ Bis auf die Wiese, die diese Hühner in ihrem Leben nicht sehen oder gar betreten also gar nicht so falsch. Trotzdem finde ich es schade, wenn es sowohl im Fachhandel wie in der gehobenen Gastronomie so an Produktwissen fehlt. Oder interessiert das einfach niemanden?


Wer kennt sich damit noch aus.

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Hans-Georg Pestka

Hans-Georg Pestka

Seine italienischen Wurzeln wiesen den  Weg zur Esskultur. Leidenschaftlich  engagiert, wenn es um Genießen mit  Verstand geht.