Anders wirtschaften

Ist das Arbeit oder kann das weg?

Nach dreißig Jahren ist am Wochenende die „Tour de France“ mal wieder in Deutschland gestartet. Düsseldorf hatte sich erfolgreich um dieses Sportevent bemüht und ein großes Fest darum gestaltet. Wie man das eben so macht heutzutage im Stadtmarketing. Trotz rheinischen Nieselregens haben wir Kind und Kegel aufs Rad gepackt und sind zum ersten Zeitfahren an den Parcours gefahren, der sich durch die Innenstadt schlängelte. Im Minutentakt sausten dann die einzelnen Fahrer im „Päckchen“ an uns vorbei – immer zwei Kradpolizisten vorweg, gefolgt vom Rennradfahrer und knapp darauf ein bis zwei Begleitfahrzeugen mit Ersatzrädern und Mechanikern.


Ich musste irgendwie an „Datenpäckchen“ denken, die durch den Raum flitzen. Solche Gedanken lagen an diesem Tag gewissermaßen nahe, denn eine Ikone der deutschen elektronischen Musik, die Gruppe Kraftwerk hatte am selben Abend zu einem Freiluftkonzert im Rahmen des Tour-Auftaktprogramms geladen.  Eines der ersten Alben der Band trägt den Titel „Menschmaschine“ und war im Jahr seiner Entstehung (1978) nicht nur musikalisch visionär. Trotz  allem menschlichen Antlitzes schienen mir die Muskelpakete auf dem Rennsattel ein bisschen wie menschliche Maschinen. Deren Ziel:  immer die bestmögliche Leistung abzurufen - faszinierend wie nachdenklich stimmend zugleich.


Szenenwechsel. Eine Woche zuvor war ich in Berlin auf einer Konferenz zur Zukunft des Handels. Bei einem gesetzten Mittagessen fand ich mich am Tisch mit einigen Menschen zusammen, die aus Unternehmen der Lebensmittelwirtschaft und dem Lebensmitteleinzel- und Versandhandel kamen. Mich hat überrascht, wie klar dort die weitere Entwicklung skizziert wurde, sei es die Auslieferung per Drohnen oder vollautomatisierte Versandlager. Letztere sind ja bereits schon in Teilen Realität. Das Entscheidungskriterium für den Einsatz der Technik ist hier allein der Kostenfaktor - sobald die Maschine billiger als der Mensch arbeitet, wird sie eingesetzt. Und da sind wir wieder bei Kraftwerk und Ihrem Stück „Roboter“:


„Wir sind auf alles programmiert und was du willst, wird ausgeführt.“


Produktivität steht demnach über allem. Schockiert – aber letztlich nicht gewundert - hat mich dann aber die nüchterne Feststellung eines Tischnachbarn. Am Ende des Ausblicks auf technische Entwicklungen, dem Ersatz von Menschen durch Maschinen, bliebe nur die Frage: „Was machen wir mit all den Dummen  ?“


Achtungsvoller formuliert: Ja, was machen wir mit all den Menschen? Denen, die weniger produktiv als Maschinen zu sein scheinen. Und da denke ich nicht nur an das produzierende Handwerk und dienstleistende Berufe. Wenn Pflegeroboter die menschliche Zuwendung ersetzen sollen, wo bleibt dann die Wärme und Einmaligkeit einer zwischenmenschlichen Begegnung und Beziehung. Wie viel Individuum darf da noch bleiben?


Was macht ein gutes Leben im 21. Jahrhundert aus? Wie bewerten und verteilen wir die Arbeit? Wer „bezahlt“ den gesellschaftlichen Einsatz von Menschen außerhalb der gewohnten Entlohnungsmodelle? Wer profitiert von der Wertschöpfung durch „Roboter“?
Die Menschmaschine bringt uns – offen betrachtet – einem neuen Gesellschaftsvertrag näher, wenn wir es denn zulassen. Anstatt wieder mal über Vollbeschäftigung zu fabulieren – ganz egal in welchem Parteiprogramm das gerade mal steht – sollten wir Ansätze wie ein Grundeinkommen ernsthaft diskutieren. Und etwas wagen und ausprobieren.


Die Frage unserer Zeit lautet nicht, warum man zur Arbeit geht, sondern wozu. Sinn ist die neue Währung der Zukunft.

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Hans-Georg Pestka

Hans-Georg Pestka

Seine italienischen Wurzeln wiesen den  Weg zur Esskultur. Leidenschaftlich  engagiert, wenn es um Genießen mit  Verstand geht.