Anders wirtschaften

Homo oeconomicus - Eine Spezies für sich

ZählenSie sich auch zu den  aufgeklärtenMenschen unserer Gesellschaft? Als aufgeklärte und konsumkritische Menschennehmen wir gern für uns in Anspruch nicht jeder Werbebotschaft auf den Leim zugehen. Mit großem Vergnügen  verfolge ichdaher auch die Ausführungen des Zeit-Autors Marcus Rohwetter in seiner Rubrik‚Quengelzone‘, in der er über Alltagsphänome des Wirtschaftslebens schreibt. Gemeintsind damit allerdings nicht die Nachrichten, die uns im Wirtschaftsteil derZeitungen begegnen, sondern vielmehr Werbeversprechen aus dem Alltag. 

 

Esscheint zu den Grundreflexen des Homo oeconomicus zu gehören, auf denpersönlichen Vorteil bedacht zu sein. Gegen Wettbewerb an sich habe ich nunnichts einzuwenden. Dies scheint schließlich ein beständig erfolgreichesKonzept der Natur zu sein, und die gibt es ja bekanntlich schon deutlich längerals uns Menschen. Entwicklung und Anpassung gehören also im Leben dazu, ebensodie Erfahrung von Erfolg und Scheitern. Im Unterschied zu Moosen und Flechten haben Menschen allerdings Werteund eine Ethik des Miteinanderumgehens entwickelt. Im Kleinen wie im Großen.

 

Das Mantra an der Kasse


Kehrenwir zurück in die Quengelzone. Die ist schon längst nicht mehr auf  den Vorkassenbereichbeschränkt, wo wir  - und vor allem gerneunsere Kinder – mit niederschwelligen Angeboten wie Schokoriegel oder Getränkenversorgt werden um beim Anstehen an der Kasse dem sicheren Hungertod zu entgehen.

GeistigeNahrung ist hier allerdings kaum zu erwarten. Gleiches gilt wohl auch für diezahlreichen Kunden- und Rabattkarten. Das primäre Bedürfnis, das hierbefriedigt werden soll, ist das nach dem persönlichen Vorteil. Dabei gilt doch eines ganz sicher: Im Handel wird nichts verschenkt!!!

 

Das Volk der kleinen Preise


Dennalle Vorteile, die uns ködern sollen, haben wir oder andere bereits mitbezahlt.Der elfte Kaffee auf dem Weg zur Arbeit ist heute gratis - und wir freuen unsüber dieses gelungene Schnäppchen gleich zu Tagesbeginn. Und unter gar keinenUmständen möchten wir darüber nachdenken, dass wir diesen elften doch schon mitden vergangenen zehn  Getränkenmitbezahlt haben. Stattdessen hätten die auch einfach gleich ein paar Centweniger kosten können. „Aber bleibt dann der Kunde bei der Stange?“, scheintsich jeder Kaffeeverkäufer und jede Bäckereikette zu fragen. Offenbar ist das vorrangig eine Frage desPreises und nicht der Kaffee- oder Servicequalität. Wie sonst ließe sich dieseAngst vor dem Kundenverlust erklären? Und wundert es dann noch, wenn immerwieder von der „Servicewüste“ gesprochen wird? Wenn wir nicht dazu bereit sind,echte Serviceleistungen zu wertschätzen und auch als solche erkennbar zubezahlen, dann bekommen wir die eben auch nicht.

 

Die spinnen, dieRömer


Die Italienerhabe da - zumindest in ihrem eigenen Land - eine Ausnahme geschaffen. „Pane ecoperto“ stehen dafür auf der Rechnung, dass Brot und Besteck am Platz stehenund sich der Service um einen kümmert: eine der wenigen Ausnahmen, wo bewusstfür eine Serviceleistung ein Extrapreis kommuniziert und auch bezahltwird.

 

Aber halt, stopp! Beim Lieblingsitaliener um die Ecke, dagibt es das gar nicht. Ganz im Gegenteil, nach dem Essen kommen noch ein Grappaoder Limocello „auf Haus“. „Das wäre ja noch schöner, für die willkommenenExtras was zu bezahlen“, schnurrt das Hirn des Homo oeconomicus zufrieden…

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Hans-Georg Pestka

Hans-Georg Pestka

Seine italienischen Wurzeln wiesen den  Weg zur Esskultur. Leidenschaftlich  engagiert, wenn es um Genießen mit  Verstand geht.