Über den Tellerrand

Freitags frei denken

Gegen halb zehn klingelt das Telefon. Am anderen Ende der Leitung meine aufgeregte Tochter: „Papa, die haben uns gerade gesagt, das vielleicht die Polizei kommt und wir Geld bezahlen müssen, wenn wir gleich zu der Demo gehen. Jetzt sind wir verunsichert, was wir tun sollen.“


Das also ist die Reaktion der Lehrkraft auf die Beurlaubungsanträge, die meine Tochter und einige MitschülerInnen - alle zehn und elf Jahre alt - gerade abgeben wollten. Einschüchterung und ein Framing, das ein Gefühl stiften soll, etwas Unrechtes zu tun. Sicher, formal haben Bildungsministerium und Schulleitung erklärt, die Teilnahme an den Freitagsdemos sei Privatsache und daher in der Freizeit zu verorten. Versuche aus dem Kollegium der Schule, das Thema  in den Unterricht zu integrieren und sich vor Ort eine Meinung zu bilden, wurden nicht befördert.


Eine Stunde später stehe ich mit anderen Eltern vor dem Schulhof, wir nehmen unsere Kinder in Obhut und fahren gemeinsam zum Klimastreik in die Stadt. Es ist unsere zweite Freitagsdemo, heute schwillt die Menschenmenge auf zig Tausende an. Alte und Junge, SchülerInnen und Studierende, Menschen aus Unternehmen und der Stadtverwaltung. Später mischt sich auch der Oberbürgermeister unter das demonstrierende Volk. Es ist Vorwahlkampf, am Vortag hatte er eine City-Maut in die Diskussion gebracht und die Bediensteten der Stadtverwaltung zur Teilnahme an der Demonstration ermuntert. Aus Berlin kommen die ersten Informationen zum Klimapaket der Bundesregierung, die prompt Buhrufe hervorrufen. Der Argwohn der Fridays-for-Future Bewegung gegenüber der „Politik von oben“ erhält also neue Nahrung.


Auf dem Rückweg begrüßt uns der Straßenbahnfahrer mit einer freundlichen Durchsage. Ein Fahrgast steht auf und dankt den verdutzten Kindern und Jugendlichen für ihre Courage und die Initiative, die sie losgetreten haben. Ich bin stolz auf meine Tochter und alle, die sich heute nicht ins Bockshorn haben jagen lassen. Und frage mich seit Wochen, warum wir - die Älteren, einerlei ob nun Eltern oder nicht - die letzten Jahrzehnte diesen blinden Fleck zugelassen haben und uns so in unserem Leben eingerichtet haben.

Auf andere zeigt man nicht


Aber ich mag nicht auf andere zeigen und schaue für mich selbst zurück. Es ist die zweite Hälfte der achtziger Jahre, meine erste Lehre beendet, ich wohne allein und habe endlich den Führerschein gemacht. Mit dem ersten Job reicht das Geld dann auch für ein Auto. Schnell darf es sein und so ein schicker Frontspoiler kommt auch gerade recht. Ab in die Welt über meistens leere Autobahnen. Eines Morgens fahre ich Richtung Aachen, sehe am Straßenrand die aufgerichteten Pershing-Raketen wie übergroße Spargelspitzen in der Landschaft stehen. Ein surreales Bild - die Friedensbewegung und ihre Proteste hat mich trotzdem nicht gekriegt in diesen Zeiten. Freunde waren ja dabei, man war informiert.


In den Nachrichten tauchen zunehmend das Waldsterben und das Ozonloch als Thema auf. Das interessiert mich und ich mache unter Stirnrunzeln meiner Vorgesetzten zwei Bildungsurlaube zu diesen Themen. Das Recht dazu verwehrt mir niemand, aber ich bekomme eine Ahnung davon, dass sich dies in meiner Personalakte finden wird. Dann kollabiert der Atomreaktor in Tschernobyl und der Glaube an die Beherrschbarkeit der Technik erhält erste Risse. Wohlgemerkt, zu dieser Zeit arbeite ich in der chemischen Industrie und bin in meiner Abteilung Sicherheitsbeauftragter. Ich lese den Bericht des Club of Rom und lerne dank Frederic Vester die Kybernetik kennen. Auf meinem 386er läuft nicht Pac-Man sondern Ökolopoly, eine spielerische Annährung an das Wirken vernetzter Systeme. Mein Unbehagen steigert sich, ich verkaufe mein Auto und wechsele auf Bus und Bahn.


Und ich will beruflich auf die andere Seite der Medaille. Ich bekomme einen Platz zur Fortbildung als Umweltschutztechniker und fahre jetzt jeden Tag vier Stunden mit dem Zug hin und her. Nach einem halben Jahr soll es dann doch wieder ein Auto sein, aber einen Katalysator muss es haben. In einem Fiat Uno fahre ich fortan der Zukunft entgegen. Diese bringt mich über die Arbeit als Umweltberater und Projektmanager letztlich mit einer anderen Lebenslinie zusammen – die der Esskultur und der Passion für Lebensmittel aus nachhaltigem Wirtschaften – zur Gründung eines Lebensmittel-Lieferdienstes, den Genusshandwerkern.

„Nur echt mit der Goldkante“ 

                                                     Werbeslogan für eine Gardinenmarke


Was ich mitnehme aus all diesen Jahren ist Demut. Dafür, dass ich an einem Ort zur Welt kam, wo ich viele freie Entscheidungen treffen kann, ohne täglich um meine Existenz zu bangen. Die meisten Entscheidungen konnte ich ohne nennenswerte Widerstände einfach so treffen. Meist ist man sich selbst dabei der größte Widersacher. Schon früh habe ich mir vorgenommen, dieses Geschenk zu würdigen und auch als Verpflichtung zu sehen, die Welt mitzugestalten.


Trotzdem bleiben Widersprüche, die sich nicht auflösen: Das Einrichten in dem, was einen umgibt. Das Infragestellen erlebe ich gerade als vielleicht zentrale Wirkung von Greta Thunberg und ihrer Initiative. Sich aus der Komfortzone zu denken und zu bewegen. Nicht zu vergessen, dass man Teil eines Problems ist, damit immer aber auch Teil einer Lösung.

Mädels, ich bin stolz auf euch.

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Hans-Georg Pestka

Hans-Georg Pestka

Seine italienischen Wurzeln wiesen den  Weg zur Esskultur. Leidenschaftlich  engagiert, wenn es um Genießen mit  Verstand geht.