Mein Reisetagebuch

Die Mondscheinfischer

Es ist August, also Hochsommer, doch der Morgen begrüßt unsmit einer kühlen Brise und der Himmel ist so schwarz, wie der Kaffee, den mansich jetzt sehnlichst wünscht. Doch wir haben eine Verabredung, die keinenweiteren Aufschub duldet. Denn schon seit Mitternacht tanzen vor dernordbretonischen Küste kleine Lichtpunkte auf den ausnahmsweise sanften Wellen.Es sind die Boote der Küchenfischer, die hier liebevoll „petits bateaux“ also „kleineBoote“ genannt werden. Diese mit zwei bis drei Mann Besatzung ausgestattetenFischerboote fahren zwei Mal am Tag für ein paar Stunden vor die Küste undstellen den Meeresbewohnern nach.


Tour de Force


Bei Lichte betrachtet staunt man später über dieseArtefakte, denn die Boote haben erkennbar viele Jahre auf dem Buckel. Denphysikalischen Grundgesetzen scheint das einerlei, denn seetüchtig sind dieKutter noch. Aber zunächst bleibt noch ein Stück Landstraße bis zum Hafen von Saint-Quay-Portrieux.Es fehlt eigentlich nur noch ein knarzendes Autoradio für ein Roadmovie namens„Tour de Force“, denn so fühlt sich diese Reise zu den Austern- undFischergründen an. Es ist Ebbe an diesem Morgen und so blickt man vomHafenbeckenrand fast fünfzehn Meter hinunter zu den Booten, die die FrüchteIhrer Arbeit anlanden. Ein Lastenaufzug bringt die Kisten nach oben undsogleich verschwinden diese in der Halle der hiesigen Fischauktion. Dort werdendie Kisten flugs sortiert: nach dem Bootsnamen, der Fangart, in dreiQualitätsstufen und nach Gewichtsklassen. Über dieser Arbeit liegt eine fastgespenstische Ruhe. Nur die Eismaschine wirft beständig neue Eisbröckchen vorsich herab oder es öffnet sich eines der Rolltore geräuschvoll.

Ein Eldorado fürZocker


Damit kein falscher Eindruck entsteht: Das was dieTagesboote hier anlanden ist nicht nur das Ergebnis einer sehr nachhaltigenFischerei mit Rute, Leine oder kleinen Netzen, sondern auch der beste Fisch,den man bekommen kann. Er ist begehrt bei  Küchenchefs rund um die Welt. Die Auktionshalleselbst besteht aus einem schmucklosen Raum, von dessen Decke einige Monitorehängen. Ein Teil der schmalen Tische, die wie in einem Hörsaal angeordnet sind,ist besetzt von „Mareyeurs“, die eine kleine Tastatur vor sich liegen haben,meist ein Ohr am Telefon und dabei das Geschehen angespannt verfolgen. Dass derRaum so verweist wirkt, liegt daran, dass im 21. Jahrhundert die meistenEinkäufer andernorts auch an einem Rechner sitzen und virtuell mitsteigern.Denn an der vom Meer abgewandten Hallenseite warten schon die Kühltransporter,um die kostbaren Meeresfänge schnell an ihren endgültigen Bestimmungsort zubringen.


Eine Überraschung amMorgen


Uns fasziniert diese Melange aus Knochenarbeit auf See undgeschäftiger Stille, denn ertragreich ist das fürwahr nicht. Zwar dürfen dieFischer, die allesamt der Genossenschaft andienungspflichtig sind, einenkleinen Teil Ihrer Fänge selbst behalten, aber letztlich entscheidet dieAuktion über den Erlös der Arbeit jeden Tag neu. Und was an Leinen und Netzenhängen bleibt, entscheidet die Natur. Und der Mensch. Während die Arbeiter derFrühschicht ihre klammen Schürzen und Stiefel abstreifen, gehen wir mit vielRespekt und Demut in die Hafenbar. Dort gibt es den besten Kaffee der ganzenReise. Morgens um halb sieben, während die Stadt noch schläft.

Zurück zur Übersicht
Hans-Georg Pestka

Hans-Georg Pestka

Seine italienischen Wurzeln wiesen den  Weg zur Esskultur. Leidenschaftlich  engagiert, wenn es um Genießen mit  Verstand geht.