Über den Tellerrand

Darf´s ein bisschen besser sein?

Zu den kulturellen Gepflogenheiten, die zunehmend vomAussterben bedroht werden, gehört auch das Mittagessen. Also die Mittagspauseunter der Woche für die man sich Zeit nimmt, gar einen Ortswechsel wagt und sieso mit ein paar Minuten Fußweg verbindet: Ein Stück Entschleunigung mitten amTag und überdies eine einfache Gelegenheit, in die Lebenswelten andererMitmenschen hineinzuhören.

 

Kürzlich wagte ich mich mal wieder in ein vegetarisches,pardon, veganes Restaurant. Es war eine Mischung aus  Bequemlichkeit und Neugier, denn der Ladenliegt gleich um die Ecke und hatte kürzlich aufwändig und bis in die Nacht rechtlautstark renoviert. Ob davon auch das Speisenangebot profitiert hat, lohntesich zu prüfen allemal. Neben dem Lifting der Ladeneinrichtung, die ich sehrgelungen finde, wurde auch ein zeitgemäßes Upgrade von vorher<vegetarisch> zu zeitgeistig <vegan> absolviert. Die Küche leidetdabei immer noch unter dem Primat, dass alle Gerichte nach der Art einesBüffets präsentiert werden, also je nach Nachfrage für Stunden kalt- oderwarmgehalten werden. Kulinarisch betrachtet fehlt es mir auch nach derNeueröffnung immer noch an einer beherzten Würzung. Denn Tofu & Co. bringengenau so wenige Eigenaromen mit wie das „schnittfeste Wasser“, wie ich das Einheitsgemüsezu nennen geneigt bin, dessen Anlieferung wir übrigens allmorgendlich zu früherStunde miterleben dürfen.

 

Bittere Erkenntnis imMorgengrauen

 

Ich habe keine voyeuristische Ader, wenn Sie das jetztvermuten. Es ist einfach nur so, dass die anliefernden Kühlwagen morgens so einenLärm machen, dass ich nicht selten davon aufwache. Die Augen aufgegangen sindmir aber auch in einer anderen Beziehung. Für mich ist die Beschäftigung mitunserer Kultur des Essens immer getrieben von dem Interesse, es für alleBeteiligten besser machen zu wollen. Das gilt sinngemäß auch immer dann,  wenn neue Ernährungsstile um IhreAufmerksamkeit buhlen. Insofern hat mich die Eröffnung des besagten Restaurantsvor ein paar Jahren sehr gefreut. Doch schon bald jedoch roch die Sache nach -ich formuliere es bewusst drastisch - Verrat.  Denn außer den Szenegetränken, die eben geradein Bio machen und einem ebensolchen Kaffeeangebot bleibt nur viel heiße Luft.Ob Gemüse oder Sojamilch, kein Happen und kein Schluck davon ist bio oderregional, stattdessen alles globaler Mainstream. Die Hintergrundmusik dazu liefern Slogans aus PETA-Kampagnen.Und das Geschäft mit dem vermeintlich Guten funktioniert: Der Laden ist überausbeliebt!

 

Offenbarungseid amMittagstisch

 

Es ist ein bisschen, wie die Ergebnisse der Meinungsumfragenzu nachhaltigem Konsum. Meist fallen die Aussagen dazu sozial erwünscht aus:gegen Kinderarbeit, für faire Bezahlung, gegen Gentechnik, für ökologischenLandbau, … -. Wir beschreiben allzu gern den Zustand, den wir gerne hätten.Aber ernsthaft und konsequent etwas dafür tun?

 

Bei meinem Besuch konnte ich dem Dialogzweier Damen am Nachbartisch folgen: „Sieht sogar aus wie Mortadella,“ sagt dieeine. „Ist es Tofu?“ fragt die Freundin zurück. „Nee, ich weiß nicht was esist.“  -  Wir wissen zwar nicht mehr, was wir essen, wohlaber wo der richtige - sprich angesagte - Ort dafür gerade ist.

 

Na dann, guten Appetit.

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Hans-Georg Pestka

Hans-Georg Pestka

Seine italienischen Wurzeln wiesen den  Weg zur Esskultur. Leidenschaftlich  engagiert, wenn es um Genießen mit  Verstand geht.