Über den Tellerrand

Á la Carte: Postfaktisch

Der Begriff „Postfaktisch“ hat seit dem letzten Jahr anBekanntheit gewonnen. Ob Angela Merkel oder Donald Trump, viele nutzen ihn aufihre Weise. Als Urheber wird meist auf eine Buchveröffentlichung von RalphKeyes im Jahr 2004 verwiesen. In Wahrheit (sic!) wurde das Postfaktischeaber von umtriebigen Gastronomen erfunden. Das glauben Sie nicht? 


In meiner Heimatstadt wird seit Langem gern ein„Düsseldorfer Senfrostbraten“ angeboten. Ein Stück kurzgebratenes Rindfleisch,das mit einer Haube aus geschmorten Zwiebeln und Mostert - so heißt der scharfeSenf hier -  gekrönt und gratiniert wird.Sieht man von dem Ort der Zubereitung ab, lässt sich jedoch wenig Regionalesentdecken. Das Rindfleisch stammt meist aus Südamerika - es ist das günstigsteim Großhandel -, die Zwiebeln aus dem Nachbarland Holland und der Senf ist,selbst wenn es der Original Düsseldorfer Mostert sein sollte, aus kanadischerSenfsaat gewonnen.


Die Arbeit an der Bewusstseinserweiterung durch die Speisekartenlyrikerreicht aber viel weiter. Neulich in einem besternten Restaurant mit ausgewiesenregional-saisonalem Konzept: Die Speisekarte offeriert eine Freilandpoulardeaus dem Münsterland. Ich gerate in Vorfreude - auf das Gericht und die möglicheEntdeckung eines neuen Produzenten, denn mit ordentlichem Freilandgeflügel ausDeutschland sieht es bislang mau aus. Auf meine Frage, woher denn dasglückliche Federvieh stamme, wird die Küche konsultiert und mir der Name einerFamilie übermittelt. Die freilich kenne ich und schätze deren Arbeit, nur lebt diein der Eifel. Abermals und bereits leicht genervt berät sich der Service erneutmit der Küche. Ja, es handele sich hierbei um den Lieferanten, das Huhn selbststamme aus dem Münsterland von einem anderen Familienbetrieb. Deren Hühnerführen tatsächlich ein tendenziell besseres Leben als viele Artgenossen: alsomehr Platz und Lebenszeit, aber dies alles im geschlossenen Stall. VonFreilandhuhn kann da keine Rede sein und ich habe mich seinerzeit nicht dafürbegeistern können.


Um den weiteren Verlauf des durchweg guten Essens inangenehmer Begleitung nicht aufs Spiel zu setzen, fand die Fortsetzung derKommunikation zeitversetzt per Email statt. Zusammengefasst, sei dies „einbedauerlicher Irrtum „… den wir bei der nächsten Speisekarte natürlich redigieren“ und imÜbrigen spiele „ …Bio (...) dabei eine untergeordnete Rolle. Die Freilandhaltung imGrunde auch, seit wir mal bei 6 Grad Außentemperatur bei unseren Legehennenwaren, welche sich aus natürlichem Antrieb gemütlich im sehr großzügigen Stallbei kommoden Temperaturen und windgeschützt tummelten.“ Nun, ich komme nacheinem langen Winterspaziergang auch gerne wieder in eine warme Stube, nurmöchte ich das selbst entscheiden dürfen, wann ich mich wo wohler fühle.  

Die Kunstform der Speisekarten-Lyrik bedient sich - aus ganzunterschiedlichen Motiven - gern der Stilmittel des Postfaktischen. Es darfvermutet werden, dass sich Ralph Keyes bei einem guten Essen davoninspirieren ließ. Zwei Dinge bleiben zu klären: Wird der Michelin demnächsteine Sonderkategorie für besonders gut gelungene Sprachkreationen ausloben, denvierten Stern für  Speisekartenlyrik gewissermaßen?Und wann endlich wird die Zunft der Speisekarten-Lyriker für den Nobelpreis derLiteratur vorgeschlagen? Anders als bei Bob Dylan wird die Bühne bei derPreisverleihung brechend voll sein.


Das glauben Sie nicht? Mrs. Conway, übernehmen Sie!

 

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Hans-Georg Pestka

Hans-Georg Pestka

Seine italienischen Wurzeln wiesen den  Weg zur Esskultur. Leidenschaftlich  engagiert, wenn es um Genießen mit  Verstand geht.